Künstler Dresden
malerei ausstellungen   biografie   texte kontakt start
     
 

Wer Träumt wen?

Neugierig auf den Bezugspunkt zum ausführen der Absicht von Malerei (Rede zur Vernissage 2010)

Währen meiner letzten Personalausstellung hier bei Sybille Nütt, kam ein Besucher auf mich zu und sagte mir ganz spontan: "Ich dachte zuerst Ihre Bilder sind abstrakt. Aber jetzt nach einigem Schauen finde ich sie figürlich." Ich konnte ihm sofort zustimmen. Ja so ist es. Auf den ersten Blick sind meine Bilder abstrakt. Ja. Ganz offensichtlich meinte er damit eine gewisse Ungegenständlichkeit meiner Bilder. Ein Gegenstand ist nicht erkennbar, also ist das Bild abstrakt. So wird es gern gebraucht. Ein handlicher Begriff für eine bestimmte Art der Malerei. Und auf den ersten Blick passt er auch für meine Bilder. Es sind abstrakte Bilder. Nach und nach wird aber doch etwas erkennbar. Auf den zweiten Blick fand er sie figürlich. Wie passt das zusammen? Wenn man die Bilder etwas wirken lässt, sich einschaut und vielleicht ein wenig zur Ruhe kommt, dann sind es plötzlich figürliche Bilder. Manchmal dauert es eine Weile, bis sich die abstrakten Fragmente meiner Malerei auf dem Inneren Bildschirm des Betrachters zusammensetzen zu einem sinnlichen Gegenstand. Und manchmal ändert sich diese Zusammensetzung, und ein neuer Inhalt taucht auf. Seltsam. Warum das so ist, weiß ich nicht. Ich freue mich, wenn es funktioniert.
 
Für mich ist mit jedem meiner Bilder eine Erinnerung verbunden. Ich male solange an einem Bild, bis eine Geschichte auftaucht. Ein abstrakter Kern. Das Abstrakte meldet sich mit Gewissheit und Vertrauen, die Pointe mit einem Lächeln. Eigentlich ganz einfach. Man fühlt es am eignen Leib. Das Herz geht auf und der Atem wird leicht und fließend. Um die Augen ein weiches Gefühl. Und wenn man lachen kann, dann ist die Geschichte rund. Sie ist beendet. Eine gute Faustregel. Aber was ist der Bezugspunkt für Abstraktion? Der berühmte feste Punkt. Gibt es ihn? Wo kann man ihn finden? Oder anders gefragt: Was ist der Bezugspunkt zum Ausführen der Absicht von Malerei? Vielleicht macht es Sie neugierig. Für mich ist das eine ganz pragmatische Frage nach dem Funktionsmuster unserer Wahrnehmung. Als Maler sortiere ich mein Handwerkszeug. Und dazu gehören auch Worte. Kann es sein der Feste Punkt sind unsere Worte?
Heinz Weißflog fand zu einem meiner Bilder einen sehr treffenden Satz. Wir standen zusammen vor dem runden Bild und suchten nach den passenden Worten für das Thema dieses Bildes. Mir fiel spontan ein neuer Titel ein: "Wanderer im Universum". Und Heinz Weißflog sagte: "Die Figur steht auf was Festem und das Feste wird getragen." Das ist es! Rief ich spontan aus. Ein toller Satz. Das ist sehr abstrakt. Das Feste wird getragen. Das ist eine existenzielle Erfahrung. Dieser Satz beschreibt den Standpunkt und die Perspektive des Wanderers mit einer sehr angenehmen Gelassenheit. Da drin steckt ein Urvertrauen, das sehr weit geht. Und gern kann jeder selbst sich ausmalen was das Feste ist, und wovon es getragen wird.
 
Mich hat es schwer beeindruck, als ich zum erstem Mal im Leben eine Landschaft von Cezanne sah. Was für ein Bild! "Der Berg des Sieges". Oder seine Stilleben - zwei Äpfel auf einem Tisch. Was für eine Attraktion! Man sieht den Apfel von Cezanne und möchte Hineinbeißen.
Jeder Maler spielt auf seine Art mit dieser Imagination seiner Bilder. "Dies ist keine Pfeife." So schrieb einst René Magritte, recht verschmitzt und hintersinnig auf eines seiner gemalten Bilder. Darauf zu sehen ist eine Pfeife und dieser Satz von Magritte. Sie werden es kennen. Dieses Bild hat Kunstgeschichte geschrieben. Ein Meilenstein der Malerei. Ich finde das sehr abstrakt. Dieser geschriebene Hinweis von Magritte löscht alles aus, was auf dem Bild zu sehen ist. Die gemalte Pfeife ist keine Pfeife. Sie ist eine Abstraktion. Das gemalte Bild rückt dem inneren Bild auf den Pelz. Und darum geht es mir hier. Wir werden aufmerksam auf das zusammentreffen zweier Bilder und erleben das Verschwinden der Pfeife. Das ist sein spezieller Trick. Magritte inszeniert in seinen Bildern das Verschwinden der Dinge. Ein seltsamer Vorgang, oder?
 
Nun gut. Was tun wir, wenn die Möglichkeiten unserer Sprache enden? Wir nutzen natürlich andere Möglichkeiten der Kommunikation; zum Beispiel unsere Körpersprache. Mehr oder weniger bewußt. Der Körper spricht sich aus. Wir lassen ihn sprechen. Der Körper lügt nicht, heißt es so schön. An der Körpersprache erkennt man jeden Kontext. Ein Lächeln, die Neigung des Kopfes, ein Zucken der Augenbraue, der Blick, vielleicht auch ein Hüftschwung - das alles kann den Inhalt der gesprochenen Worte bekräftigen, verfeinern und erweitern in eine Dimension des Unaussprechbaren. Wir stehen aufrecht auf dieser Erde. Idealerweise stabil und gut verwurzelt. Und manchmal geschieht etwas außerhalb unseres Körpers, da draußen an seiner Peripherie. Man kann es fühlen. Dort wo der Körper nicht mehr ist, ist ein Gefühl. Und das gehört zu uns. Wir wissen es und nutzen unsere Möglichkeiten der Kontaktaufnahme. Es macht Spaß. Ein schönes Bild zum Beispiel ist ein Genuss für die Augen. Und es ist wertvoll. Selbstverständlich! Ein gemalter Apfel ist kein Apfel. Von Cezanne gemalt ist er ein Bild das ins Auge springt. Es hat Kraft.
 
Das Wort "abstrakt" aus dem Lateinischen übersetzt heißt "abgezogen" und bedeutet soviel wie losgelöst vom Dinglichen, rein begrifflich und ohne Bezug zur Realität. Soweit die sparsame Antwort im Fremdwörterbuch. Auch weggezogen, fortgeschleppt und entführt vom Gegenständlichen lässt es sich übersetzen. Nehmen wir einen abstrakten Begriff wie zum Beispiel das Wort "Zuneigung". Was für ein schönes Wort! Wer hat es fortgeschleppt und losgelöst von welchem Gegenstand? Lässt sich Zuneigung malen, ein Gefühl das man zu erlangen wünscht? Von dem man weiß, dass es einen überkommt wie ein Geschenk, wie eine Gnade? Wohl kaum ohne in Kitsch und Frömmelei zu landen.
Als Maler steht man in der Verantwortung vor einer Reihe von Künstlern, deren Bilder man liebt und verehrt. Aus welcher Zeit auch immer. Eine innige Verbundenheit stellt sich ein. So intim, dass sie einen sozusagen hinstellt in den wachsamen Blick der Wahlverwandten. So ähnlich wie man dem Blick der Malerkollegen und Kunst-Liebhaber standzuhalten sich anschickt, steht man in den eignen Augen vor einer Ahnengalerie geliebter Bilder und Maler.
 
Dieser Traum zieht durch die Jahrhunderte - hellwach und voller Energie, der Traum vom lebendigen Bild. Ein Bild das die Zeiten überdauert. Auch Magritte hat ihn geträumt. Und er hat etwas gewagt, was seinem Bild eine enorme Kraft gibt. Das ist nicht mehr auszulöschen. Magritte hat sich verewigt. Oder nehmen wir das vertraute Bild eines Alten Meisters. Nehmen wir Rembrandt mit einem seiner letzten Selbstporträts, sein "Selbstbildnis als Zeuxis". Es gibt eine kleine Anekdote über den griechisch-antiken Maler Zeuxis, auf die sich Rembrandt mit diesem Selbstporträt bezog. Rembrandt malte sich Selbst als lachender alter Mann. Die Anekdote besagt, dass Zeuxis als Hochbetagter Mann das Porträt einer Greisin malte. Und beim Anblick und Malen dieses ganz und gar verrunzelten alten Weibes kam der alte Maler ins Lachen, und er geriet derart hinein in ein abgründig tiefes Gelächter, dass er auf der Stelle starb.
 
Von einem Bild zutiefst innerlich berührt zu werden, das ist ein großes Erlebnis. Man fühlt sich plötzlich verbunden mit der Absicht des Malers. Er spricht zu einem. Es ist als redete sein Bild zu Einem - mit Klang und Stimme und Gestus. Rembrandt muss es so ergangen sein mit Zeuxis. Mir geht es so mit Rembrandt. Sein Selbstporträt tauchte auf in einem meiner Bilder. Sie finden es auf der Einladungskarte: "Rembrandt mit 90". Vielleicht erkennen Sie an der Haltung des Kopfes die Komposition von Rembrandt. Mich hat es sehr fasziniert, dieses Lachen von Rembrandt. Denn ich kenne diese Art greisen Lachens von meinem alten Lehrer Wilhelm Paulke. Ich habe ihn sehr geliebt dafür, für dieses Lachen. Für mich ist dieses Bild eine Referenz an meinen geliebten Lehrer und es ist zugleich eine Referenz an Rembrandt und an Zeuxis und an die unbekannte alte Frau, die ihn so zum Lachen brachte.
 
Der Lehrer ist in meinem Traum. Die alten Maler sind in meinem Traum. Ihr Lachen ist in meinem Traum. Träumt es mich oder träume ich sie? Oder anders gefragt: Träume ich die Bilder oder träumen die Bilder mich? Man kann die Frage auch so stellen: Was ist es, das träumt?
So etwa fragte sich Dschuang Tse, in seinem berühmten Schmettlerlingstraum: "Dschuang Tse träumte einst, er sei ein Schmetterling, ein Schmetterling der fröhlich umherflatterte und nichts wußte von Dschuang Tse. Dschuang Tse wachte auf und fragte sich: Bin ich Dschuang Tse, und träumte, ich sei ein Schmetterling? Oder bin ich ein Schmetterling, und träume, ich sei Dschuang Tse?"
Vielleicht möchte man diesen Traum als eine Metapher auffassen, und ihn ausdeuten als ein bildhaftes Gleichnis für die Idee vom Fliegen, für die Idee von Freiheit. Man kann den Traum auf verschiedene Art lesen. Im Kern dieser Überlieferung steht jedoch die brennende Frage des Dschuang Tse nach der Gewissheit seiner eignen Existenz. Im Zentrum steht seine Frage: Wer bin ich?
Was bin ich in Wirklichkeit?
Man muss es geträumt haben, um diese Frage so stellen zu können! Schmetterling oder Dschuang Tse - das ist einfach besehen, ein Unterschied zwischen Tag und Nacht, zwischen wachen und schlafen. Etwas näher betrachtet erfahren wir nur, dass Dschuang Tse aufwacht. Wir wissen nicht, wo er aufwacht. Was ist, wenn er aufwachte in einem Traum? Dschuang Tse wacht auf, und träumt weiter. Nein, das ist keine Denkübung. Das sagte schon Dschuang Tse. Dies ist keine philosophische Betrachtung. Träumen ist eine praktische Angelegenheit. Dschuang Tse verwirklichte seinen Traum. Er kann fliegen.
 
 
Rede von Michael Schwill zur Ausstellungseröffnung "Wer träumt wen”, Ausstellung Malerei von Michael Schwill in der Galerie Sybille Nütt, Dresden. Im Kabinett sind Scherenschnitte von Christiane Latendorf ausgestellt.
 
 
 
 
       
       
 
Diesen Text habe ich zu meiner Ausstellung “Wer träumt wen” 2010 in der Galerie Sybille Nütt, Dresden geschrieben. Im Kabinett der Galerie sind Scherenschnitte meiner Partnerin Christiane Latendorf zu sehen. Die Galerie Nütt finden Sie in der Dresdner Innernen Neustadt im sogenannten Barockviertel. Viele Galerien zeitgenössischer Kunst und einige Kunsthändler haben sich dort angesiedelt.
 
 
 
 
  Wer träumt wen, der Titel zur Ausstellung Michael Schwill 2010 in Dresden bei Sybille Nütt. Ein Essay von M. Schwill über das Abstrakte in der Malerei von Michael Schwill, Dresden. Voller Neugier auf der Suche nach einem Bezugspunkt zum ausführen der Absicht von Malerei. Für Besucher hier noch einige Tipps für die Übernachtung mit Pension in Dresden. Unterkunft für den Besuch in Dresden sind zu finden unter anderem unter Pension Dresden Neustadt Unterkunft mit günstigen Ferienwohnung Angeboten im Zentrum und für die Neustadt Dresden. Weitere Texte über meine Malerei und Reden zu Ausstellungseröffnungen finden Sie auf meiner alternativen Seite www.michael-schwill.de. Dort sind auch eine Reihe meiner älteren Bilder online veröffentlicht. Zu meinen Vernissagen sage ich gern auch einige Worte. Soweit ich sie schriftlich ausgearbeitet habe werden die Texte dann auch hier nachzulesen sein. Also seien Sie neugierig und schauen ruhig immer mal wieder rein.
 
 
 
malerei   fotografie   webdesign   kontakt   start