Künstler Dresden
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Getrommelte Kurven

Laudatio von Kathrin Lahl MA zu einer Vernissage 2010 in Gera

Meine Damen und Herren, liebe Freunde der Kunst, sehr verehrte Gäste des Hauses,
 
die einführenden Worte habe ich aus Sicht des Galeristen geschrieben. Wir betrachten Bilddetails, Techniken und vor allem sind wir interessiert an der Einzigartigkeit der Arbeiten, des künstlerischen Ausdrucks als ganz wesentliche Komponente. Und: innerhalb der Galeriearbeit ist Werk und Künstler untrennbar verbunden.
 
Christiane Ladendorf, vertreten mit Malerei, Scherenschnitten, Zeichnungen, ist 1968 in Anklam geboren. Sie hat ihr Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig sowie an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden absolviert. 1993 gewann sie den 2. Preis im Plakatwettbewerb der HfBK Dresden, 1995 folgt der 1. Preis im Plakatwettbewerb zum Jahr der Toleranz. Ihre Arbeiten befinden sich zahlreichen öffentlichen und privaten Sammlungen.
 
Michael Schwill, vertreten mit Gemälden, hat ein Abendstudium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, sowie ein Studium der Malerei und Grafik an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden bei Hubertus Giebe, Claus Weidensdorfer und Horst Leifer absolviert. Er erhielt das Philip Morris Stipendium Sachsen, Stipendium Atelier Bad Frankenhausen und das Arbeitsstipendium Kulturfonds Berlin.
 
Was hat mich auf Anhieb an beiden Künstlern fasziniert? Überraschend war gleich bei unseren ersten Begegnungen der poetische Blick auf die Welt, die Anteilnahme an der Lebenswelt des Anderen, die Schönheit, die sie uns zeigen und nicht zuletzt die tiefe Beschreibung des Wesens von Alltagsphänomenen. Und: In ihrer künstlerischen Transformation der Alltagswelten behält sich trotz aller künstlerischer Verfremdung die vorgefundene Natürlichkeit bei. Das Werk ist authentisch. Dies schätze ich an beiden Künstlern sehr. All diese quasi Gütekriterien guter Kunst, die Einzigartigkeit und das Authentische, will ich Ihnen mit folgender Bildbeschreibung darlegen.
 
Es ist ein Vergnügen, den Farbspielen von Michael Schwill zuzusehen. Auf besondere Weise verdichten sich in „Johanna und Johannes“ verschiedenste kräftige Farbnuancen zu einem Doppelporträt zweier fast Namensgleicher. Schon im Spiel der Namen kündigt sich die feste Verknüpfung, das Einswerden zweier Individuen an. Ein warmes fast flammendes Gelborange umrahmt in fester Linie die beiden Figuren, so als sollte der Verbund noch einmal mehr gesichert werden. Diese Sicherheit scheint elementar nötig, heben sich beide doch ohne Verbindung aus dem orange angelegten Fond des Bildes. Sie schweben und doch erhalten sie eine Festigkeit, die den Betrachter verwundert. Wie gelingt es dem Künstler, eine solche Festigkeit zweier Figuren zu erlangen? Und hierbei gleichzeitig alle Variabiltät beizubehalten, eben jene Ingredienz, die das Bild lebendig und wertvoll sein lässt.
 
Die Antwort könnte in der inhärenten Wesensgleichheit beider Figuren gefunden werden, die sich in der Namensgleichheit ja schon ankündigt. Beide scheinen alle Lebendigkeit der Außenwelt gleichsam in sich aufzunehmen. Michael Schwill gibt seinem Bild einen Text bei: „Gebändigte Glut; Johanna und ihr Freund Johannes. Er macht gerade Kopfstand.“ Wie deutlich sprechen diese Worte die Kraft und Bewegung des Bildes aus. Dialogisch weist Michael Schwill mit den Worten „gebändigte Glut“ auf das lebendige Warme als auch auf das Formende, Begrenzende.
 
Eine interessante Komponente der Malerei von Michael Schwill zeigt sich, wenn wir vergleichend das Werk „Sie hört ins Herz“ ansehen. Sie finden die Arbeit auf der Einladungskarte.
 
Auch hier erfreut uns das Spiel der Farben, und durch die Farbe hindurch können wir das Thema erblicken, ein Frauenporträt. Eine stark konturierte Umrisslinie „bändigt“ mit sicherem Strich das Porträt. Auch dieses Porträt scheint in konzentrierter Abkopplung von Ihrer Umgebung gelöst.
 
Mit Blick auf beide Werke sehen wir: Michael Schwill nutzt Versatzstücke, serielle Komponenten, die er mit sicherem Gespür kombiniert und zu immer neuen Ausdrucksformen reifen lässt. Dies ist zugleich eine Gewähr für die Einzigartigkeit in seinem Werk. Er hat eine Formensprache gefunden, die ihm eigen ist.
 
Formen zu finden, genau das steht auch im Hauptfocus der Künstlerin Christiane Latendorf. Hierbei schöpft sie aus ihrer nächsten Lebensumwelt, Orte und Menschen, die sie aufsucht und sichtlich in einer Aufmerksamkeit und Fragestellung stehen: Sind die Menschen, Orte, ´nahe am Leben´, nehmen sie all die Verschiedenheit ihrer Umwelt auf besondere Weise auf, nicht zufällig und beiläufig, vielmehr mit Hingabe und Liebe. Die Wiedergabe dieser authentischen Menschen transformiert sie auf glückliche Art und Weise in ihre Werke. Die Besonderheiten scheinen liebevoll betont, schmückende Elemente wie eine Blume im Haar weisen auf die Freude, die sie als Künstlerin empfindet und die sie mit anderen teilen will.
 
Die Künstlerin verwendet Öl, aber häufig auch den Scherenschnitt. Die Anfänge des Scherenschnitts sind sehr alt. Er zählt zu den ältesten Volkskünsten Chinas. Der Scherenschnitt war beliebt in der Kultur der Goethezeit und des 19. Jahrhunderts, wir finden ihn abgebildet in Zeitungen des Jugendstils. Dadaismus und Konstruktivismus gehörten ebenso zu den Kunstrichtungen, welche die Technik der Collage – artverwandt dem Scherenschnitt – verwendet haben. Die Collage bildet man aus Papieren, Fotos, Zeitungen. Ein prominenter Vertreter der ´modernen´ Anfänge des Scherenschnittes ist – um einen prominenten Vertreter zu nennen - Matisses. Er arbeitet mit Papieren, die mit monochromer Gouachefarbe bemalt wurden. Aus diesen schnitt er die Figuren und freien Formen aus (gouaches découpées). Matisse nannte diese Technik „mit der Schere zeichnen“. Zahlreiche Künstler setzten seine Technik fort: so etwa A. Rodtschenko, Kurt Schwitters, Joan Miró oder auch Salvador Dali, nicht zuletzt Ad Reinhardt, Robert Motherwell, Jackson Pollock, Willem de Kooning. Heute ist die Collage häufig mit den anderen Techniken verbunden: dem Druck oder der Fotografie.
 
Christiane Latendorf hat natürlich eine eigenständige Form gefunden, sie hat ihre Kunstwerke nicht so stromlinienförmig wie etwa jene Arbeiten von Matisse gestaltet. Volle, runde, weiche Züge sind ihr Metier. Warmherzige Titel setzen Akzente: etwa 2004: „Liebe stärkt uns“ oder auch „Mensch mit Engel“. Nie verlässt sie die Leitlinien: beseelte Umwelten abzubilden, quasi als eine aufrechte Manifestation ihrer eigenen Lebenssichten.
 
Schließen möchte ich mit den Worten von Michael Schwill anlässlich seiner diesjährigen Ausstellungseröffnung in der Galerie Nütt in Dresden, er bechreibt hier das Finale eines gelungenen Schaffensprozesses, das Beenden eines Bildes: „Das Herz geht auf und der Atem wird leicht und fließend.“ Ich wünsche Ihnen viel Freude bei Ihrem Rundgang durch die Ausstellung. Vielen Dank.
 
Kathrin Lahl
Gera im Juli 2010
 
 
 
 
       
       
 
Die Laudatio hielt Kathrin Lahl zur Vernissage der Ausstellung "Getrommelte Kurven” von Christiane Latendorf und Michael Schwill. Zu sehen war Malerei der beiden Künstler und Scherenschnitte von Christiane Latendorf im Haus Schulenburg in Gera vom 31. Juli bis 11. September 2010. Kathrin Lahl MA ist Galeristin der Galerie Oben in Chemnitz. Die Ausstellung im Haus Schulenburg war in 2010 die zweite in einer Ausstellungsserie gemeinsam mit Thomas Blase aus Halle.
 
 
 
 
  Getrommelte Kurven - der Titel bezieht sich auf den sächsischen grünen Marmor "Serpentin", der in Maxen bei Dresden abgebaut wurde. Dieser Mamor ist zu Zeiten August des Starken sehr gerne verbaut worden im Schloß und Zwinger in Dresden. Ganz speziell natürlich im Grünen Gewölbe, der Edelsteinsammlung August des Starken und in der Dresdner Hofkirche. Der Marmor war schon mitte des 18. Jahrhunderts nahezu vollständig abgebaut. Es gibt noch kleine Fundstellen die für den Sammlermarkt interessant sind. Unser Ausstellungstitel hat also eine Affinität zu sächsischen edlen Steinen. Getrommelte Kurven entstehen auf getrommelten Steinen, welche in einer Kreiswuchtschwingsiebmaschine hergestellt werden. Find ich toll - aus 5 Wörtern mach eins.
 
 
 
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